(18.07.09) Es war der früheren Frankfurter Gesundheits- und Frauendezernentin Margarethe Nimsch (Grüne) zu verdanken, dass die Veranstaltung nicht nur ein Jubelchor zur Legalisierung der Behandlung Schwerstabhängiger mit Heroin geworden ist.

1993, als die Grüne in der rot-grünen Koalition das Gesundheitsdezernat übernommen hatte, war die offene Drogenszene in der Taunusanlage mit rund 1000 Drogenabhängigen noch traurige Realität. Sie war dort entstanden, nachdem der frühere Frankfurter Oberbürgermeister Walter Wallmann (CDU) die sogenannte „Haschwiese“ in der Wallanlage neben dem Stadtbad Mitte, dem heutigen Hilton-Hotel, räumen ließ, da die Eröffnung der Alten Oper bevor stand.

grane-straaye_smalDie Drogenambulanz in der Grüne Straße Foto: Wygoda

Margarethe Nimsch ließ sich von einem Polizisten aus sichrere Distanz von einem der Banktürme aus mit einem Fernglas zeigen, wie die Abhängigen „nicht nur mit Hunden, sondern auch mit Kindern“ in der Szene verkehrten, um ihre Sucht zu befriedigen. Dieses Erlebnis war für die Juristin der Wendepunkt, von dem aus es für sie klar war, „dass diesen kranken Menschen dringend geholfen werden musste, dass wir sie nicht nur aus der Taunusanlagen vertreiben konnten, sondern verantwortlich dafür waren, ihnen eine Alternative zu bieten“. Für die Juristin war dieser Schritt sicherlich besonders schwer, denn er bedeutete, gegen alle bisherigen Gesetze und Regelungen des Drogenrechts ankämpfen zu müssen. Margarete Nimsch räumte in ihrem kurzen Beitrag auch mit einer anderen Legende der Frankfurter Drogenpolitik auf: Sie berichtete, dass sie auch in ihrer Fraktion, den Grünen, auf erhebliche Widerstände gestoßen sei, als sie die Heroinvergabe an Schwerstabhängige thematisierte. Für sie galt von da ab nicht mehr das Schlagwort von der „drogenfreien Gesellschaft“, sondern das „mit Abhängigen leben“.
Sie beantragte, wie Manuela Rottmann (Grüne), ihre Nachfolgerin im Amt der Gesundheitsdezernentin berichtete, bereits 1993 die Erlaubnis für ein wissenschaftliches Forschungsprojekt. Zwei Jahre später musste sie gegen die Ablehnung des Forschungsprojektes Klage einreichen.

Zu diesem Zeitpunkt stand Nimsch nicht mehr alleine auf der Seite der Schwerstabhängigen. Zwei ihrer wichtigsten Mitstreiter waren Oberstaatsanwalt Körner und der damalige Frankfurter Vizepolizei-Präsident Frerichs, der heute Polizeipräsident in Wiesbaden ist.

2009_07_18_wygoda1_heroinvergabe Erinnerungen an eine lange Auseinandersetzung um die heroingestützte Behandlung Schwertsabhämgiger:Von links nach rechts: Rottmann, Köhler, Nimsch, Weißbach, Wolter-Brandecker, Tschierschke. Foto: Wygoda

Es war dem späteren CDU-Gesundheitsdezernenten Glaser vorbehalten, das Projekt aus den Zeiten des rot-grünen Magistrats weiter zu führen und es in einer Städteinitiative auf die Bundesebene zu heben- obwohl seinerzeit viele Beobachter mutmaßten, der CDU-Politiker werde das Heroinprojekt wohl eher sterben lassen. Jetzt berichtete auch er über seien Erfahrungen beim Landswohlfahrtsverband (LWV) mit einer jungen drogenabhängigen Mutter, die der Prostitution nachging, um ihr Kind und ihre Sucht finanzieren zu können. „Wir haben damals zum ersten Mal Methadon eingesetzt, um der Frau zu helfen, obwohl es zu dieser Zeit noch gar nicht dafür frei gegeben war“, berichtet er. Und er ließ sich danach als Frankfurter Gesundheitsdezernent auch von den Beispielen des pragmatischen Umgangs mit Drogenabhängigen in Zürich und in Amsterdam überzeugen.

Als 2002 nach der Teilnahme Frankfurts an der medizinischen Heroinstudie eine Liegenschaft gefunden werden musste, berichteten die Ortsvorsteherin von Bornheim-Ostend, Hedi Tschierschke und die SPD-Stadtverordnete Renate Wolter-Brandecker von ihren großen Problemen in den Diskussionen mit verängstigten und besorgten Anwohnern, Eltern der Schulen und Gewerbetreibenden, zumal sie über Auswahl des Grundstücks in der Grüne Straße entgegen den Abmachungen erst aus der Zeitung erfuhren.

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Aufgezogene Spritze in der Heroinambulanz. Foto: Wygoda

„500 Personen kamen in die erste Informationsveranstaltung im Zoo-Gesellschaftshaus“ erinnerte sich die Ortsvorsteherin. Und die SPD-Politikerin erinnerte sich an die Befürchtungen der Eltern, ihre Kinder könnten mit Heroin gefüllte Bonbons geschenkt bekommen. Doch trotz aller positiven Erfahrungen seit dem Beginn der Heroinstudie im Februar 2003 warnte sie davor die Ambulanz aus der Grüne Straße im Ostend in einen anderen Stadtteil zu verlegen. „Alle Diskussionen, die wir hier geführt haben, werden dann wieder aufflammen“, zeigte sie sich überzeugt. Auch Margrit Weißbach (CDU), Vorsitzende des Gesundheitsausschusses, berichtete nicht nur von den Widerständen in ihrer eigenen Fraktion, sondern auch darüber, durch welches Erlebnis sie „vom Saulus zum Paulus“ und damit zu einer Mitstreiterin für die heroingestützte Behandlung der Abhängigen wurde: „Ich sah auf einer Treppe eine junge Frau, etwa Anfang 20 alt, die verzweifelt versuchte, sich eine Spitze in die Leistengegend zu setzen, bevor ein Polizist sie wieder vertrieb, was ihr aber offensichtlich nicht gelang- da wusste ich, dass wir diesen Kranken dringend helfen mussten“.

Hermann Wygoda