Seit 20 Jahren beschäftigt sich das in Frankfurt ansässige Institut für Neue Medien damit, wie die reale und die virtuelle Welt miteinander verknüpft werden können. Jetzt sollte es die Zukunftswerkstatt für FrankfurtRheinMain werden.

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Titel des IHK Wirtschaftsforums 11-2009

Der Standort könnte symbolträchtiger kaum sein: Auf den Mauern eines ehemaligen Bunkers aus dem Zweiten Weltkrieg ruht eine zweistöckige Holzkonstruktion, die dem Institut für Neue Medien (INM) Raum für seine virtuellen Projekte gibt. Und ein Stockwerk darunter gibt es Ateliers für Künstler, die an ihren Werken arbeiten. 1989 wurde Kasper König Rektor der Städelschule. Gespeist durch seine Erfahrungen in den USA holte er Peter Weibel, der dort damals eine Professur hatte, nach Frankfurt, um das INM als eigenes Institut der Städelschule zu gründen. Künstler sollten an dem neuen Standort die technischen Voraussetzungen vorfinden, um in die damals neue Welt der virtuellen Kunst einzutauchen, sich mit ihr zu beschäftigen und eigene Kunstwerke zu produzieren, die noch nicht Dagewesenes zeigen können.

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Der Bunker in der Schmickstraße im Frankfurter Osthafen Foto: Wygoda

Dabei entstanden Projekte wie „Der Tisch der Geister“, in dem dreidimensionale Körper, Pyramide und Kegel stehen und weitere Körper um sie herumschweben, von ihnen angezogen und wieder abgestoßen werden. Diese schwebenden Objekte allerdings hat der Computer selbst geschaffen. Sie sind das Produkt mathematischer Algorithmen und geschickter Programmierung.

Weibel berichtete, dass die etablierten Künstler an der Städelschule die Arbeiten der jungen Leute mit ihren Computern im besten Falle als Kitsch oder elektronische Spielereien abgetan haben, die mit Kunst wohl nichts gemein hätten. Die Medienkünstler allerdings nutzten den Computer nicht nur als Rechenknecht, sondern erschufen mit seiner Technik aus Hard- und Software neue Welten, in die der Beobachter des Kunstwerks dank der Nutzung interaktiver Techniken eintauchen oder doch zumindest an der Entstehung der neuen Welten aktiv teilhaben konnte, indem er einen Schalter bediente oder auf mehreren Schaltern umherlief. So erschuf sich jeder Betrachter seine eigene virtuelle Welt auf dem Bildschirm oder auf der Leinwand.

INM war Vorreiter in der virtuellen Welt

Wer sich heute, 20 Jahre später, diese Projekte im Film ansieht, staunt, dass sie damals bereits möglich waren. Sie werden im Karlsruher ZKM, dem Zentrum für Kunst und Medientechnologie, museal vorgeführt. Weibel ist dessen Direktor, und er erinnert sich an seine ersten Arbeitstage an der Frankfurter Städelschule: „Es gab noch nicht einmal einen Schreibtisch für mich, deshalb räumte mir Kasper König die Hälfte seines Schreibtisches frei.“ Gerd Doeben-Henisch, Professor an der Fachhochschule in Frankfurt, programmierte hier seine ersten Knowbots, deren Name bereits ausdrückte, dass die programmierten Agenten Wissen und Erfahrungen im Hyperraum sammeln sollten, um daraus zu lernen und später einmal selbstständig aktiv zu werden.

Diese Agenten sind jetzt in dem Planet-Earth-Simulator wiederzufinden, der inzwischen in das Projekt Open Knowledge Simulation Modeling (Oksimo) weiterentwickelt wurde. Auf der Grundlage dieses Modells wurde eine erste Anwendung mit der Kommune Rödermark (Landkreis Offenbach) entwickelt, um sie in der Planung für ihre weitere Entwicklung zu unterstützen. Zur Erinnerung: Als im INM mit diesen Arbeiten begonnen wurde, war das Internet noch nicht erfunden, sondern noch in militärischen Labors in den USA in der Entwicklung.

Ein anderes Projekt wurde für eine große Ausstellung im Deutschen Architekturmuseum realisiert: In der Ausstellung über den Park in Wörlitz konnten die Besucher einen Spaziergang durch den Park machen, indem sie einen zum Spazierstock verlängerten Joystick bedienten, mit dem sie sich rechts und links des Weges umsehen konnten. Durch einen Druck auf den Knopf konnten sie sich auch solche Sichtachsen freilegen, die durch groß gewachsene Bäume verschwunden waren, indem sie die Bäume wegklappten. Heute sind solche Spaziergänge in jedem Heimcomputer über das Internet zu realisieren, und die Spaziergänger würden sich statt mit dem Spazierstock mit der Computermaus durch die Parklandschaft in Wörlitz klicken, die selbstverständlich aus realistischen Bildern und nicht aus Zeichnungen bestünde.

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Garten Wörtlitz Gotisches Haus aus dem virtuellen Spaziergang Bild: INM

Mit Rechner künstlerische Vorstellungen umsetzen
Bernhard Franken, Architekt in Frankfurt, weiß noch, was für ihn das INM bedeutete: „Als wir Anfang der Neunzigerjahre im Architekturstudium in Darmstadt eine Stadtentwicklung als Aufgabe erhielten, mussten wir zu den Maschinenbauern gehen, weil es im Fachbereich Architektur keine Rechner gab.“ Die Studenten entwickelten ihr Konzept und konnten auf der Cebit in Hannover damit sowohl Hard- als auch Softwareunternehmen überzeugen, ihnen die benötigten Rechner und Programme zur Verfügung zu stellen. „Als ich dann als Artist in Residence im INM arbeiten konnte, war dort alles vom Feinsten vorhanden, und wir konnten unsere Ideen, darunter das Projekt Skylink, realisieren, indem wir über die Stadt Frankfurt ein Netz spannten, auf dem die Stadt in der Höhe der Hochhäuser betrachtet werden konnte.“

Franken gehört heute zu den Architekten, die ihre Entwürfe zunächst vom Computer errechnen lassen, bevor sie in Zeichnungen gegossen und gebaut werden. Ähnlich haben auch die Architekten von Coop-Himmelb(l)au in Wien als Künstler begonnen, die gerne darauf verweisen, dass sie mithilfe der schnellen und leistungsfähigen Rechner „heute das bauen können, was wir uns als Künstler vorgestellt haben“. Auch die ersten Entwürfe für die künftigen Hochhäuser der Europäischen Zentralbank EZB an der Frankfurter Großmarkthalle haben sie so entwickelt.

Dem INM war allerdings an der Städelschule keine lange Zeit vergönnt. Für das Jahr 1994 stellte die städtische Kämmerei in ihrem Haushaltsentwurf lapidar fest: „Im Planansatz für 1994 sind direkte oder indirekte Leistungen für das Institut für Neue Medien nicht enthalten.“ Mit diesem Satz, der die bisherige Förderung in Höhe von 1,5 Millionen Mark infrage stellte, wäre das Aus für das Institut beschlossen gewesen, obwohl es sich in diesen wenigen Jahren einen weltweit anerkannten Ruf verschafft hatte.

Schnittstelle zwischen Kunst, Wirtschaft und Wissenschaft
Der WDR zum Beispiel hat in einem Film über die digitale Kunst von den zehn vorgestellten Künstlern sieben im INM porträtiert. Und sogar in der weltweit renommierten Computerausstellung Siggraph im kalifornischen Anaheim konnten im gleichen Jahr erstmals Werke aus Frankfurt gezeigt werden. Doch der damalige Frankfurter Kämmerer, Tom Koenigs (Grüne), wollte sich die Werke nicht einmal ansehen, wie Weibel jetzt berichtete.

Die Deutsche Bank war es, die mit 300 000 Mark einsprang und das erste Überleben sicherte. Auch die Frankfurter Wirtschaftsförderung nahm sich damals des INMs an und sagte ihre Unterstützung zu. Hartmut Schwesinger, damaliger Geschäftsführer, wurde mit dem Satz zitiert: „Das ist ein wesentliches Institut, um die Standortqualität Frankfurts deutlich zu machen.“ Und Weibel macht noch immer klar: „Gerade in der heutigen Zeit, in der die Kommunikationsindustrie eine entscheidende Grundlage für das Bestehen der Dienstleistungsindustrie geworden ist, muss ein Institut wie das INM die Möglichkeit haben, für diese Industrie in der Region FrankfurtRheinMain an der Spitze der Entwicklung zu arbeiten, um ihr Überleben zu sichern.“

Michael Klein, der das Institut seit seiner Selbstständigkeit führt, sieht denn auch die Aufgabe des INM heute als „Schnittstelle zwischen Kunst und Wirtschaft, Wirtschaft und Wissenschaft, Wissenschaft und Kunst“. Das INM wurde Entwickler für die ersten Internetseiten vieler großer Unternehmen von der Deutschen Börse bis zur Fraport. Es betreut die Internetseiten der Oper Frankfurt und entwickelt Internetforen für regionale Aktivitäten wie das Kulturportal Frankfurt oder das Wissensportal für FrankfurtRheinMain.

„Wir haben im INM schon immer eigene Formate des ganzheitlichen Wissensdialogs entwickelt“, sagt Klein. Er hatte bereits 1997 dafür plädiert, das INM als Hub, das heißt als Schnittstelle, für alle Universitäten, Fachhochschulen, Unternehmen, Museen und die Industrie zu nutzen, um für das 21. Jahrhundert mit ihrer Vernetzung eine Zukunftswerkstatt für die Region FrankfurtRheinMain aufzubauen, die all jene unterstützt, die sich mit der Weiterentwicklung und der Darstellung des digitalen Raumes beschäftigen. Denn weder ist die Bedeutung des „unsichtbaren Antriebs unserer Wirtschaft“, nämlich der digitalen Rechnung mit den Ziffern 1 und 0, erkannt worden noch hat sich die stürmische Entwicklung der neuen Medien beruhigt.

Hermann Wygoda