8.12.2010  Frankfurter Neue Presse

Das Ostend für Fotograf Hermann Wygoda mehr als ein Stadtteil es ist Heimat und Zukunftswerkstatt zugleich. Diesen Eindruck hat er mit der Kamera festgehalten und in der Zentrale der Arbeiterwohlfahrt ausgestellt. Gestern war die Eröffnung.

Ostend. Den Weg zu Hermann Wygodas Fotoausstellung über das Ostend weist eine Dame ohne Oberleib. Der Betrachter sieht zwei Beine, ein knappes, knallrotes Höschen, daneben ein Schild: Eros-Center. Ein passendes Bild als Einstieg, findet Wygoda. Aus zwei Gründen: Die Oskar-von-Miller-Straße, wo das Etablissement steht, ist gewissermaßen der Eingang zum Ostend. Und die Farbe der Hose ist die gleiche wie die der Arbeiterwohlfahrt (AWO), die vor ein paar Jahren in die Henschelstraße im selben Stadtteil gezogen ist und wo auch die Ausstellung zu sehen ist. Das Ostend hat eben viele Gesichter. Und die will der 62-jährige Reporter und Fotograf mit seinen Fotos zeigen.

Stadtteil im Umbruch

Die Idee für die Ausstellung, die gestern eröffnet wurde, kam von der AWO. Das Ostend ist im Umbruch, verändert sich ständig nicht nur, weil hier in vier Jahren das neue Wahrzeichen der Europäischen Zentralbank stehen wird, sagt Verbandsreferent Henning Hoffmann. Bei uns gehen viele Mitarbeiter und Leute von außerhalb ein und aus. Denen möchten wir unseren Stadtteil zeigen.

Einladungskarte zur Ausstellung das Ostend Foto:Wygoda

Hermann Wygoda, der auch für die Frankfurter Neue Presse im Rhein-Main-Gebiet unterwegs ist, war da genau der Richtige. Er wohnt seit 15 Jahren im Ostend, ist hier viel beruflich unterwegs und hat mit seiner Kamera die Entwicklung festgehalten. Das Ostend ist eine Zukunftswerkstatt, sagt Wygoda. Er läuft auf und ab im Gang der AWO-Zentrale, wo seine Bilder an der Wand aufgereiht sind; hier und da bleibt er stehen, streicht sich über den grauen Bart. Ein kleinerer Mann mit schwarzem Jackett über knallrotem Pullover, am Revers steckt eine Comicfigur als Anstecknadel. Es ist nicht seine erste Ausstellung, die er präsentiert. Aber eine, die ihm besonders am Herzen liegt.

Altes und Neues

Das ist der Frankfurter Internetknoten Decix, der verläuft unter der Hanauer Landstraße eine der wichtigsten Verbindungen, praktisch unter unseren Füßen, sagt Wygoda und deutet auf einen Rechner, aus dem viele bunte Kabel quellen. Ein paar Schritte weiter das genaue Gegenteil von Hightech: Ein Metzger formt aus Fleischteig Würste; konzentriert sieht er aus. Metzgerei Gref Völsig steht auf dem Schild darunter. Die haben den Metallclip mitentwickelt, der dann weltweit statt Kordel zum Abbinden des Wurstdarms verwendet wurde. Man sieht: Zukunft und Vergangenheit liegen im Ostend eng beieinander.

Hermann Wygoda hat nicht alle Bilder nur für die Ausstellung geschossen. Einige stammen aus seinem Archiv das von der Weseler Werft zum Beispiel, ein Schwarzweiß-Bild, hat er 1997 aufgenommen. Bei manchen Motiven hatte ich richtiges Glück das hier, er deutet auf ein Foto vom Zoogesellschaftshaus, das in einem Meer von Lichtern liegt, war nicht wegen mir angeleuchtet, sondern wegen einer Feier. Ich war nur zufällig vor Ort. Genauso kam ihm das Parkhaus recht, das neu gebaut wurde und von dem aus er die Union-Brauerei fotografieren konnte. Oder die Hafenbahn-Ausstellung im Ostbahnhof, wo praktischerweise eine alte Dampflokomotive direkt neben einem ICE parkte. Da braucht man nur noch draufzudrücken und hat ein Foto, das viel aussagt.

Sein ganzer Stolz ist aber das Bild, das gleich links am Eingang an der Wand hängt: Eine Animation des neuen Gebäudes der Europäischen Zentralbank. Elegant schwingt sich der Turm in den Nachthimmel, am Fuß ist die Großmarkthalle erleuchtet, die das neue Foyer werden soll. Das habe ich auf einem Fototermin gesehen und den Veranstalter gebeten, es freizugeben. Es hat mich einfach fasziniert, dass vom Ostend aus bald eine der wichtigsten Währungen der Welt gesteuert wird, sagt Hermann Wygoda und lässt seinen Blick noch einmal über die Fotos schweifen; er sieht zufrieden aus. jro

Die Ausstellung ist montags bis donnerstags von 9 bis 17 Uhr und freitags von 9 bis 12 Uhr in der AWO-Zentrale, Henschelstraße 11, zu sehen. Der Eintritt ist frei.