Von Ute Süßbrich

Frankfurter Rundschau  19/20- 2- 2011    Sie ist schwer zu fassen. Drängt aber und will wachsen. Immer weiter weg von ihren einstigen Acker- und Gartenflächen, weg vom eingeschossigen Gewerbe, himmelwärts. Die Landschaft des Frankfurter Ostends ist längst ar­chitektonisch und in verwirrend viele Facetten gespalten. Wer da einen Überblick sucht, findet ihn nicht so schnell.

Details und die Art, wie die Ein­zelbausteine des Frankfurter Os­tens in Erscheinung treten, zeigt indes eine Fotoausstellung von Hermann Wygoda auf: „Das Os­tend – Frankfurts Zukunftswerk­stadt“. Auf dem Flur des Hauses der AWO schmücken derzeit 30 Fotos des 62 Jahre alten Reporters und Fotografen Wygoda die Wän­de – archivierte Dokumente eben­so wie frische Eindrücke, Ansich­ten der alten Großmarkthalle ebenso wie Einblicke in verborge­ne Winkel verwilderter und ver­rufener Urbanität.

Natürlich habe er „eine Aus­wahl treffen müssen“, sagt Wygo­da, „geblieben sind die Bilder, die am markantesten demonstrieren, was das Ostend so typisch macht.“

Motiv aus der Ausstellung: Idylle Schwanenstraße  Foto: Wygoda

Was also ist typisch? Ein Rund­gang gibt Aufschluss: Die leuch­tend roten High Heels des Eros-Centers, die fleischigen Rinds­würste bei Gref-Völsing, das tiefe Nachtblau über Stoppelfeldern, Stahlbrücken und Fluss, Badende

am Schwedlersee, die Waschkü­che im Drogenzentrum „East-end“, der farbige Kabelstrauß des Internet-Knotens DeCix – oder et­wa der Weg zu einem Garten, der versperrt ist vom Grün der Kiefern und dem der beiden grell lackier-

ten Klappläden? Es sind vor allem die Provisorien, die auffallen und kombinieren, wo sich nichts von alleine fügt.

Zwischendrin trennen Bahn­gleise, Hochufer, Containerinseln und zugige Trassen für den Schwerlastverkehr. Wenn Frank­furt berüchtigt ist für bauliche Wi­dersprüche, so bezeugen Wygodas Ostend-Fotos eine geradezu dadaistische Kombinatorik. „Hier steht zusammengewürfelt, was bislang säuberlich getrennt war: Industrie- und Hafenflächen wer­den zu Wohn- und Arbeitsräu­men. Nachtclubs, Werbeagentu­ren, Designerbüros und Labors für Hightech pflanzen sich zwi­schen das Automobilgewerbe. Das birgt eine fruchtbare Dyna­mik“, meint Wygoda.

Dass das Ostend als „Werk­stadt“ fungiert, leuchtet ein. Alles scheint dort möglich, sogar dass Frankfurt, wie die Fotos zeigen, historisches Beiwerk einmal un­angetastet lassen könnte: ein französisches Pissoir, dessen Pilz­kopf keck aus dem Unkraut ragt oder die alte Pferdetränke, deren Becken vor den Autohäusern auf der Hanauer Landstraße ihre Nutzlosigkeit zur Schau stellt.

Das Ostend ist Projekt. Symbol dafür stellt der Entwurf der für 2014 geplanten Zentralbank Eu­ropas EZB vor: „Kurios: Es ist das Ostend, von dem aus eine der mächtigsten Währungen der Welt gesteuert werden wird!“

Ist Wygoda stolz auf das Vier­tel, in dem er seit drei Jahrzehn­ten lebt? „Dass ich im Ostend wohne, ist Zufall. Interessiert hat es mich immer. Allerdings schär­fen wir Bewohner hier jetzt unse­re Sinne, damit wir nicht abge­drängt werden von den großen Projekten.“ Nicht nur die Immobi­lienmanager, auch gewöhnliche Frankfurter hätten nämlich inzwi­schen entdeckt, dass sich der Os­ten unmittelbar an die Innenstadt schmiegt. „Bislang fühlte sich das Viertel doch an, als liege es weit draußen hinter den blauen Ber­gen.“ Frankfurts rückt also gen Osten. Das Ostend indessen strebt in die Höhe. Zu übersehen sein werden die „blauen Berge“ künf­tig wohl nicht mehr.

Die Fotoausstellung „Das Ostend -Frankfurts Zukunftswerkstadt“ ist im Haus der AWO, Henschelstraße 11, bis 30. April zu sehen. Montags bis don­nerstags, 9 bis 17, freitags, 9 bis 12 Uhr.