Im ersten Wahlgang zur Wahl des neuen Frankfurter Oberbürgermeisters gab es eine faustdicke Überraschung: Zwar erreichte der CDU-Kandidat Boris Rhein in dem Rennen um die Nachfolge von Petra Roth mit 39,1 Prozent der Stimmen den höchsten Wähleranteil, doch wurde nicht die Grüne Rosemarie Heilig die Zweitplatzierte, sondern der SPD-Bewerber Peter Feldmann. Zu Beginn des Wahlkampfes wurde Feldmann von der CDU noch milde belächelt und man machte sich über die Direktwahl ihres Kandidaten über die Sozialdemokraten lustig.

Das Ergebnis der Wahl zum Oberbürgermeister im ersten Wahlgang
Skizze: Amt für Statistik der Stadt Frankfurt am Main

Die Tendenzwende hatte sich schon vor einigen Wochen angekündigt und erhielt neuen Auftrieb durch eine Umfrage der Frankfurter Rundschau, die zwar nicht die Zahlen, doch aber die Reihenfolge korrekt prognostiziert hatte. Übrigens auch in der Berichterstattung der Frankfurter Tageszeitungen, die dem SPD- Kandidaten mehr Aufmerksamkeit widmeten als der von den Grünen bereits zur neuen Umweltdezernentin gewählten Rosemarie Heilig. Hatte sie sich doch auch den Ärger des schwarzen Koalitionspartners zugezogen, als sie in ihren Wahlkampfauftritten vor Aussagen nicht Halt machte, die sich nicht mit den Koalitionsabsprachen im Römer deckten.

So werden denn die 14 Prozent, die Rosemarie Heilig für die Grünen holen konnte, auch als ein Menetekel gesehen, dass die Grünen „wieder Bodenhaftung bekommen haben“, wie ein prominenter Sozialdemokrat feststellte.

Die Kandidaten im Pulk der Fernsehleute und Fotoreporter (von links) Peter Feldmann, Rosemarie Heilig, Boris Rhein. Petra Roth Foto: Wygoda
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Allerdings müssen sich alle Parteien auch an die eigenen Nasen fassen, denn die Wahlbeteiligung lag nach wie vor bei nur 37,5 Prozent der Stimmen. Daran konnte selbst die Vielzahl der Parteien und die zehn Kandidaten nichts ändern.

In den ersten Berichten aus den Wahllokalen wurde deutlich, dass die Grünen offenbar ihre meisten Wähler in ihren Hochburgen verloren haben. Etwa dem Nordend. Die genauen Daten gibt das Statistische Amt der Stadt am heutigen Montag bekannt.

Da ist es nicht schwer voraus zu sagen, dass sich das Klima in der grün-schwarzen Koalition im Römer in der Zukunft eisiger anfühlen dürfte als in den letzten Jahren. Denn Boris Rhein gilt nicht gerade als Busenfreund der Grünen, sondern dürfte ihnen eher Paroli bieten als Petra Roth.

Der “gefühlte Wahlgewinner” Peter Feldmann (SPD) lässt sich von seinen Unterstützern feiern. Foto: Wygoda

Rosemarie Heilig hat für ihre Partei für den zweiten Wahlgang am 25. März bereits die Losung ausgegeben, dass sie wählen dürfen wen sie möchten, das heißt, dass es eine Wahlempfehlung der Grünen nicht geben wird. Und so wurde schon am Wahlabend in den Gesprächen in den Römerfluren vermutet , dass sich die Mitglieder der Grünen in der Wahl zu je einem Drittel enthalten, zu einem weiteren Drittel die SPD wählen und das letzte Drittel vielleicht mit seiner Stimme für Boris Rhein die grün-schwarze Koalition im Römer stützen werde.

Der Zweitplatzierte Peter Feldmann hat noch am Wahlabend eine Einladung der Piratenpartei zur Vorstellung erhalten und auch angenommen. Herbert Förster, Kandidat der Piraten, hatte 3,8 Prozent der Stimmen auf sich vereinen können.

Feldmanns Partei, die SPD, fühlt sich nach diesem Sieg des zweiten Platzes im Aufwind. Muss sie doch noch immer die nur 21 Prozent in den letzten Kommunalwahlen verkraften. Da sehen die 33 Prozent des eigenen OB-Kandidaten doch recht proper aus. Feldmann hat in einer schriftlich übermittelten Erklärung denn auch sofort in diese Kerbe gehauen: „Frankfurt muss sich am 25. März entscheiden. Zwischen einem sozialen, ökologischen, weltoffenen Frankfurt mit mir als Oberbürgermeister – oder einem rechtskonservativen Boris Rhein“. Er will die Grünen in möglichst großer Zahl für sich an die Wählurnen locken. Insbesondere jene, die sich gar nicht vorstellen können Boris Rhein zu wählen.

In diesem Zusammenhang kann mit Spannung beobachtet werden, welche Reaktionen die angekündigte Pressekonferenz mit Daniel Kohn-Bendit, dem Guru der Frankfurter Grünen, und Klaus Oesterling, dem SPD-Fraktionsvorsitzenden, haben wird. Denn beide hatten sich schon im vergangenen Jahr dazu verabredet, bei einer Stichwahl werde jeder zur Wahl des Kandidaten der anderen Partei aufrufen. Peter Feldmann erhält also Hilfe von einem Altforderen der Frankfurter Grünen.

So werden die Folgen des Wahlergebnisses vom Sonntag wohl weniger von den Zahlen als mehr noch von den psychologischen Einflüssen auf die Parteien des Römers bestimmt werden. Und das kann spannend werden, ja der Rücktritt von Petra Roth kann nach diesem Wahlsonntag später einmal als der Tag für eine neue Zäsur in die Geschichte der Frankfurter Politik eingehen. Und so bekommt ein Hinweis von Petra Roth am Sonntagabend eine ganz neue Bedeutung: Sie verwies vor Journalisten darauf, dass sie schriftlich mit ihrer Unterschrift verzichten musste von ihrem Rücktrittsrecht vom Rücktritt als Oberbürgermeisterin Gebrauch zu machen.    Hermann Wygoda