Frankfurter Architekten sind ein Exportschlager – nicht nur in Fernost

Albert Speer baut Chinas zweite Autostadt bei Chanchun, KSP die chinesische Nationalbibliothek. „Franken-Architekten“ erstellen Regierungsgebäude am Polarkreis und bauen auf der Arabischen Halbinsel, und das Büro MMZ ist in Indien und auf Goa aktiv. Ohne Frankfurts Architekten, so scheint es, geht nichts mehr auf den Baustellen dieser Welt.

Frankfurt am Main (pia) Wer in Island bauen will, muss wissen, dass es dort Trolle und Elfen gibt, auf die sogar eine Beauftragte der Regierung achtet. Bei ihrem Entwurf für das neue isländische Regierungsviertel in der Hauptstadt Reykjavik mit über 21.700 Quadratmetern umbautem Raum hat das Frankfurter Architekturbüro „Franken-Architekten“ den ersten Preis dadurch gewonnen, dass „wir den Trollfelsen als einen wichtigen Bezugspunkt für den Entwurf unseres Gebäuderiegels gewählt haben“, berichtet Bernhard Franken. Denn bei der Lage und der Gestaltung von Gebäuden wird in Island auf diese geschützten Felsformationen, die Trollsteine, Rücksicht genommen. Ihre Bauten für drei Ministerien der Inselrepublik haben die Architekten durch „Fels“-Spalten gegliedert, die den typischen isländischen Elementen Wasser, Felsen und Bäumen zugeordnet wurden.

Das Frankfurter Büro, das seit drei Jahren in seiner gegenwärtigen Zusammensetzung arbeitet, hat nicht zuletzt durch spektakuläre Ausstellungs-Bauten für BMW auf der Internationalen Frankfurter Automobilmesse IAA bei der Fachwelt für Aufsehen gesorgt. Seine Auslandserfahrung hat „Franken-Architekten“ besonders durch Aufträge für den Münchener Autobauer sammeln können. Derzeit, berichtet Franken, führe man Verhandlungen über ein Projekt in Dubai.

Frankfurts Architekten bauen überall auf der Welt – Albert Speer wird bereits mit der Frage begrüßt: „Ach, Sie sind auch wieder einmal in Frankfurt?“ Von ihm hat man den Eindruck, er plane und baue nur noch außerhalb seiner Heimatstadt. Schlagzeilen über die Großprojekte zweier neuer Städte bei Shanghai und in Changchun, die das Büro Albert Speer und Partner (ASP) entworfen und teilweise auch gebaut hat, unterstützen diesen Eindruck. Doch Speer und sein Partner Friedbert Greif weisen dies vehement zurück: „Wir bauen seit 30 Jahren im Ausland, doch ganz bewusst sind wir auch weiterhin hier in Frankfurt und ganz Deutschland aktiv.“

Johannes Dell, der seit 2003 die Filiale von ASP in Shanghai leitet, beschreibt die Situation für seine Arbeit in der „Drachenkopf-Metropole“ folgendermaßen: „Was gestern noch galt, hat heute keinerlei Bedeutung mehr.“ Dynamik pur, ein Wolkenkratzer jagt den nächsten. Noch brauchen die Chinesen das deutsche Know-How, aber wie lange noch? „Die chinesischen Projektpartner lernen sehr schnell, und die derzeitige Kapazitätslücke in der Planung und bei der Konstruktion wird in wenigen Jahren geschlossen sein“, prophezeit Johannes Dell. Dann werden andere Weltregionen ins Blickfeld von Albert Speer rücken – Auslandsaufträge sind für ASP „normal“. Die Liste der Auslandsreferenzen des Frankfurter Büros Albert Speer und Partner ist beeindruckend lang: Neben China sind unter anderem Kroatien und Montenegro, die Türkei, Nigeria, die Vereinigten Arabischen Emirate und Aserbaidschan verzeichnet.

Einen besonders prestigeträchtigen Auftrag konnte auch das Frankfurter Büro KSP Engel und Zimmermann im Land der Mitte gewinnen: In der Hauptstadt Peking bauen sie die chinesische Nationalbibliothek.

national-bibliothek-beijingDer Lesesaal der chinesischen Nationalbibliothek  in Beijing nach der Fertigstellung 2008  Foto: KSP Engel und  Zimmermann

Ebenfalls in Peking wird KSP ein futuristisches Apartmenthaus mit 138 Apartments hochziehen. Und auch in Europa hinterlassen die Frankfurter ihre planerischen Visitenkarten: Für die Messezentrum Salzburg GmbH errichten sie die Salzburgarena, eine Veranstaltungshalle mit über 19.000 Quadratmetern Fläche. Doch Österreich ist nur ein Nebenschauplatz – für Frankfurter Architekten spielt die Musik eindeutig in Fernost. Die Entwurfsplanung für die Hauptplaza eines Softwareparks in Jinan etwa hat Corinna Endreß, Landschaftsarchitektin des Büros BWP, erstellt. Die kreisförmige, etwa 80.000 Quadratmeter große Hauptplaza wurde mit den Elementen Berg, Wasser, Pflanze in einer modernen Formensprache so gestaltet, dass sie dem Wunsch der Chinesen nach Symbolen entspricht. Allerdings lernte auch Corinna Endreß die Probleme eines schnell wachsenden Entwicklungslandes kennen. So gab es etwa Schwierigkeiten, genug Pflanzen zu bekommen.

Das Frankfurter Architektenbüro Marzluf, Maschita und Zürcher hat bewusst kein Büro in China eröffnet, profitiert aber im Inland von den Erfahrungen außerhalb Europas Grenzen: Nach dem Gewinn des ersten Preises in einem internationalen Wettbewerb in Shanghai erhielten die Frankfurter den Auftrag für die Planung und den Bau von drei größeren Wohnblöcken von typisch chinesischen Ausmaßen: 12 bis 28 Geschosse und rund 360 Wohnungen. Ein chinesischer Architekturstudent von der Universität in Darmstadt leistete für sie die Übersetzungen. „Ein Ausflug ins Ausland hilft bei Aufträgen in der Bundesrepublik“, sagt Claus Marzluf. Die Erfahrungen aus Shanghai, aber auch aus Goa und Neu Dehli haben „MMZ-Architekten“ mit dem nötigen Wissen und Fingerspitzengefühl versorgt, um in Deutschland mit ausländischen Auftraggebern erfolgreich zusammenzuarbeiten. Die Frankfurter haben so den Auftrag zum Umbau des Deutschland-Sitzes der amerikanischen Fidelity-Invest in Kronberg erhalten. Hier, unweit von Frankfurt, muss weder mit Trollen noch mit Feen oder gar Drachen gerechnet werden…

Hermann Wygoda