FNP 4.6.2013  Seinen 70. Geburtstag feiert heute Salomon Korn, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde in Frankfurt und Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland. Er gilt als analytischer Denker, der keine Debatte um den Holocaust und das jüdische Leben in Deutschland danach scheute. Hermann Wygoda sprach mit ihm über die Jüdische Gemeinde Frankfurts. 

Herr Korn, in Ihrem Zitat zur Einweihung des von Ihnen entworfenen neuen Gemeindezentrums der Jüdischen Gemeinde Frankfurt, „Wer ein Haus baut, will bleiben . . .“, sagten Sie 1986: „. . . und wer bleiben will, erhofft sich Sicherheit“. Fühlt sich die Jüdische Gemeinde in Frankfurt sicher?

SALOMON KORN: Die überwiegende Mehrheit der Mitglieder der Jüdischen Gemeinde hat in Frankfurt das Gefühl, hier sicher zu leben. Dennoch bleiben Sicherheitsmaßnahmen für unsere Einrichtungen notwendig, weil es immer wieder Hinweise gibt, dass etwas passieren könnte. Doch merken die Gemeindemitglieder im Alltag kaum etwas davon. Von Freunden und meiner eigenen Familie weiß ich, dass unsere Kinder die Sicherheitsmaßnahmen kaum noch wahrnehmen, da sie diese bereits als normal verinnerlicht haben.

Die Morde des NSU und der Umgang der deutschen Behörden damit bereiten Ihnen keine Sorgen?

KORN: Dieser Umgang ist für mich keine Überraschung, weil ich seit vielen Jahren wahrnehme, dass die Behörden ihre Aufmerksamkeit eher auf das linke als auf das rechte Spektrum der politischen Vorgänge richten.

Sie waren der Architekt des neuen Jüdischen Gemeindezentrums. Die Tafeln mit den zehn Geboten an der Front haben Sie zerschlagen dargestellt. Würden Sie das heute auch wieder so machen?

KORN: Ja. Es hat sich in den Jahren seit 1986 zwar einiges geändert, wir sind auch sicher auf einem zukunftsfähigen Weg, doch hat sich in dieser Zeit nicht alles ins Gegenteil verwandelt, denn die Wunden, die die Shoah (der Holocaust) hinterlassen hat, sind noch immer nicht verheilt. Ich habe stets darauf hingewiesen, dass, bevor eine pragmatische Normalität zwischen Juden und Nicht-Juden herrschen wird, mindestens vier Generationen vergehen werden. Das sind etwa einhundert Jahre, wenn nicht mehr. Juden gedenken heute noch Ereignissen, die bereits über 3000 Jahre zurückliegen. Dazu gehört zum Beispiel die spanische Inquisition vor über 500 Jahren. Die Verbrechen des sogenannten „Dritten Reiches“ sind dagegen allerjüngste Geschichte, die noch über Generationen nachwirken werden.

Salomon Korn , Brunnen

Salomon Korn am Brunnen aus Davidsternen vor dem von ihm gebauten Jüdischen Gemeindezentrum Frankfurts

Foto: Wygoda

Die Jüdische Gemeinde Frankfurt besetzt praktisch alle Spitzenpositionen jüdischer Organisationen in der Bundesrepublik. Dieter Graumann ist Präsident des Zentralrates der Juden in Deutschland, Sie sind sein Stellvertreter. Woher kommt diese herausgehobene Stellung Frankfurter Juden? Man hätte das wohl eher in Berlin erwartet.

KORN: Die Frankfurter Gemeinde ist wesentlich älter als die in Berlin, nämlich 900 Jahre. Die Berliner Gemeinde besteht seit rund 300 Jahren. Die Berliner Jüdische Gemeinde hat zwar mehr Mitglieder als die Frankfurter Gemeinde, die Zahlen sind allerdings nicht ausschlaggebend. Eine Rolle spielt sicher die historische Tradition ebenso wie die zentrale Rolle Frankfurts für die Juden in der deutschen Nachkriegsgeschichte. Hier hat Ignatz Bubis erfolgreich gewirkt. Dieter Graumann, Michel Friedman und ich, wir alle sind seine Schüler. Bubis hat für seine Nachfolge und damit für die Zukunft der Jüdischen Gemeinde Frankfurt rechtzeitig gesorgt.

Die Jüdische Gemeinde Berlin hat bundesweit Aufmerksamkeit wegen etlicher Probleme mit ihren aus Russland stammenden Mitgliedern erzeugt. In Frankfurt sind solche Probleme offenbar nicht aufgekommen. Was macht Frankfurt besser als die Bundeshauptstadt?

KORN: Uns ist es durch frühzeitige Integrationsmaßnahmen gelungen, die neuen Mitglieder aus Russland in unsere Gemeinde zu integrieren. Und wir haben es auch geschafft, sie von Anfang an frühzeitig aktiv am Gemeindeleben zu beteiligen. So haben einige von ihnen beispielsweise Funktionen im Gemeinderat übernommen. Auf diese Weise trägt die Tradition, die Ignatz Bubis hinterlassen hat, langfristig Früchte.

Was ist in Berlin noch anders?

In Berlin kommt sicher auch erschwerend hinzu, dass die Zahl der Zuwanderer im Verhältnis zu den „Alteingesessenen“ größer war als hier in Frankfurt. Bei uns sind etwa ein Drittel der Gemeindemitglieder Zuwanderer, in Berlin sind es zwei Drittel. Alle Gemeinden, die solch hohe Zuwandererzahlen verzeichnen, haben es deutlich schwerer als Frankfurt. Und Berlin gehört zu diesen Gemeinden.

Ist es für Frankfurts Jüdische Gemeinde eine Auszeichnung, dass eines ihrer Mitglieder, Peter Feldmann, Oberbürgermeister ist?

KORN: Peter Feldmann ist Mitglied der Jüdischen Gemeinde, er war vorübergehend auch Mitglied im Gemeinderat, dem Parlament der Jüdischen Gemeinde. Es hat uns selbstverständlich sehr gefreut, dass ein Oberbürgermeister, der Mitglied der Jüdischen Gemeinde ist, die Geschicke der Stadt lenkt.

Salomon Korn Geburtstagsfeier 2013Salomon Korn mit den Sängerinen der Lichtigfeldschule auf seiner Geburtstagsfeier Foto: Wygoda

Ist Feldmann der erste jüdische OB?

Nein, er ist nicht der erste jüdische OB Frankfurts. Ludwig Landmann, gebürtiger Jude, war in den 1920er Jahren ein erfolgreicher Bürgermeister. Das heißt aber keineswegs, dass sich durch diese Tatsache Grundsätzliches für die Jüdische Gemeinde geändert hat. Peter Feldmann ist der Oberbürgermeister aller Frankfurter. Inzwischen hatten wir ein offizielles Treffen mit ihm. Wir wollen keine bevorzugte Behandlung durch einen OB, der der Jüdischen Gemeinde angehört. Dies könnte als ein Zeichen positiver Ausgrenzung gewertet werden – und daran ist uns nicht gelegen.

Aus Ihren Schilderungen kann man so etwas wie Normalität heraushören. Teilen sie diese Einschätzung?

KORN: Ich betrachte es eher als pragmatische Normalität. Aber zu bestimmten Anlässen spürt man doch hin und wieder, dass die Verhältnisse noch nicht so sind wie sie sein sollten.

Welche Anlässe meinen Sie konkret?

KORN: Es gibt immer wieder Empfänge, bei denen man in Gesprächen in Anspielung auf Israel gefragt wird: „Wie fühlen Sie sich denn so bei der gegenwärtigen Politik Ihres Landes?“ Darüber hat sich auch schon Ignatz Bubis erregt. Ich tue dies nicht, sondern betrachte solche Äußerungen als Gradmesser für die zwischen Juden und Nichtjuden in Frankfurt und Deutschland herrschende sogenannte „Normalität“. Es gibt eben immer noch Menschen in Frankfurt und Deutschland, die die Jüdische Gemeinde oder den Zentralrat der Juden in Deutschland als fünfte Kolonne des Staates Israel betrachten. Das hört man übrigens eher von Angehörigen der älteren Generation – in der jüngeren habe ich das bisher nicht vernommen.

Artikel vom 04.06.2013,