Die Arbeiterwohlfahrt Frankfurt zertifiziert sich mit Menschlichkeit und Effizienz I Von Hermann Wygoda #

DEMO 10_2008

Zwischen den Polen immer ge­ringer werdender finanzieller Ressourcen und steigender An­forderungen durch die staatli­chen Finanzgeber hat die Arbei­terwohlfahrt (AWO) in Frank­furt am Main für sich ein speziel­les Qualitätsmanagement entwickelt, dass neben den übli­chen Anforderungen der DIN-Norm auch die Anforderungen und Grundsätze des historisch gewachsenen Selbstbilds der AWO beinhaltet und für die rund 700 Mitarbeiter die Grund­lage ihrer Arbeit darstellen. Da­rin heißt es etwa: „Im Mittel­punkt unserer Bemühungen ste­hen alte und pflegebedürftige Menschen und ihre Angehöri­gen. An ihrer Zufriedenheit wol­len wir uns messen lassen.“

Energie und Zeiteinsatz der Mitarbeiter haben sich gelohnt

2005 wurden die ersten Zertifi­zierungen nach einem langen und intensiven Diskussions- und Arbeitsprozess erfolgreich abge­schlossen, „in den alle Mitarbei­ter sehr viel Energie und zusätz­liche Zeit gesteckt haben“, wie die Leiterin des August-Stunz-Zentrums, Doris Mauczok, ein­räumt. „Doch“, so stellt sie fest, „es gibt kaum jemanden, der nicht einräumt, dass sich die Ar­beit gelohnt hat.“

Dieses positive Ergebnis kommt auch nach Überzeugung des Lei­ters des Pflegediensts, Mathias Rosenberger, nicht zuletzt aus der Erkenntnis, „dass wir nicht nur den gesetzlichen Anforde­rungen inzwischen besser ent­sprechen, sondern auch, dass je­der Mitarbeiter sieht, dass sich seine Arbeitsumgebung und sei­ne Arbeit verbessert hat“.

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Die Pflege im August-Stunz-Zentrum soll an der Zufriedenheit der pflege­dürftigen Menschen gemessen werden. Foto: Wygoda

So überraschend ein solches Ur­teil zunächst klingen mag, am Beispiel der Heimküchen wird es nachvollziehbar. Sind doch die Mahlzeiten für die Bewohner der Heime das A und 0 ihres Tages­ablaufs und damit ein wichtiger Faktor für ihre Zufriedenheit.

Küchen in AWO-Regie mit mehr Service für weniger Geld

In den sechs Heimen des Frank­furter AWO-Kreisverbands wa­ren die Küchen wie in vielen an­deren Heimen und Krankenhäu­sern an externe Unternehmen ausgelagert worden, die die Mahlzeiten nicht im Haus frisch zubereitet haben, sondern sie in ihren Großküchen „fertigen“ lie­ßen. Als die AWO ihre Küchen wieder in eigener Regie betrieb, hat dies selbst in der Gastrono­mie-Fachpresse zu großer Ver­wunderung geführt. Allerdings war Voraussetzung, dass durch die eigenen Küchen der Finanz­haushalt nicht durcheinanderge­bracht werden durfte.

In der Bearbeitung des Themas im Rahmen des Qualitätsmana­gements wurde schnell deutlich, welche Voraussetzungen not

wendig waren, um die Forderun­gen nach schmackhaftem Essen und finanzieller Absicherung zu erfüllen. So wird jetzt für alle Kü­chen im Intranet ein monatli­cher Speisenplan mit den dazu gehörenden Rezepten einge­stellt, den die Küchenchefs ge­meinsam abstimmen. Danach wird für diesen Speiseplan zen­tral eingekauft, um finanziell in­teressante Konditionen für die täglich rund 1 000 Essen zu be­kommen. Gleichzeitig wurde das aus den Krankenhäusern bekannte Tablettsystem abge­schafft, bei dem sich die Bewoh­ner für eine Woche im Voraus festlegen müssen. In den AWO-Heimen können sich die Bewoh­ner, die sich nicht mehr so gut bewegen können, die Speisen von den Büffets auf Wagen aus­suchen. Und eine weiter Neue­rung ist besonders gut angekom­men: das Frühstücksbuffet. „Es ist jetzt hier wie im Hotel“, sagte eine Bewohnerin, die den Kü­chenchef Bernd Breitling im Speisesaal traf und ihm dabei gleich noch einen Wunschzettel für den nächsten Speiseplan zu­steckte. Im August-Stunz-Zen­trum, so Doris Mauczok, sei jetzt sogar der Wunsch auch nach dem gemeinsamen Abendessen im Speisesaal aufgekommen. Aber nicht nur die Bewohner sind zufriedener. Auch in den Haushaltsplänen konnten in den ersten beiden Jahren Einsparun­gen von bis zu 18 Prozent ge­bucht werden. Jetzt werden die Essen-Etats wie veranschlagt ein­gehalten. Und noch ein zweiter Bereich wurde neben der Küche wieder eingegliedert: der Reini­gungsdienst. „Wir haben dabei gelernt, dass auch der Kontakt mit den Reinigungspersonal für unsere Bewohner wichtig ist, weil sie oftmals die ersten sind, die in die Zimmer kommen, und mit denen sie auch ein kurzes Schwätzchen halten können“, berichtete Thomas Kasper, der Qualitätsmanager der Frankfur­ter AWO. Gerade für demente Be­wohner sei es überaus schwierig gewesen, wenn ihnen die Reini­gungsunternehmen immer wie­der neue Mitarbeiter geschickt haben, die sie nicht kannten.

Der Geschäftsführer der Frank­furter Arbeiterwohlfahrt, Jürgen Richter, zieht nach der ersten Zertifikatsrunde und den Erfah­rungen zum Aufbau des Systems ein positives Fazit: „Die fünf Jah­re Aufbauarbeit, die wir gemein­sam in unser Tandem-System ge­steckt haben, haben sich ausge­zahlt, denn wir kennen jetzt alle Prozesse in den Häusern, jeder weiß, welche Verantwortung er hat und was er von den anderen für seinen Arbeitsbereich erwar­ten kann. Und wenn es mal Pro­bleme gibt, haben wir eine ganz andere Kommunikationskultur als vorher.“